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Der Schwabenspiegel

Eine Sammlung von Rechtsregelungen des Mittelalters übersetzt ins Neuhochdeutsche

Pressemitteilung vom 22.11.10

Auf Einladung des Forums für Wissenschaft und Kultur Meersburg e.V. referierte Dr. Harald Derschka am 18.11.2010 in Meersburg über den berühmten „Schwabenspiegel“. Der Konstanzer Geschichtswissenschaftler ist Übersetzer dieses rechtshistorischen Dokuments ins Neuhochdeutsche. Er führte in einem sehr anschaulichen und spannenden Vortrag in die geschichtliche Epoche ein, in der diese bedeutende historische Schrift entstanden ist. An vielen konkreten Beispielen zeigte Derschka das breite Spektrum und die hohe Bedeutung dieser Rechtesammlung auf und erläuterte, wie dieses Dokument in den letzten 700 Jahren überliefert und heute von der Geschichtswissenschaft interpretiert und eingeordnet wird.

Der Schwabenspiegel ist eine private Sammlung von Rechtsvorschriften, die in Deutschland am Ende des 13. Jahrhunderts vor allem im süddeutschen Raum zur Anwendung kamen. Zusammengetragen hat sie ein Franziskaner- Mönch aus Augsburg. In der Zeit von 1150 bis 1300 fand in Deutschland ein rasanter wirtschaftlicher Aufschwung statt, einhergehend mit einem hohen Bevölkerungswachstums und einer zunehmenden Zahl von Städten. Expandierende Handelsbeziehungen und wachsende Bevölkerungsdichte erforderten eine zunehmend umfangreichere und verlässliche Rechtsprechung. So dokumentiert der Schwabenspiegel bereits Vorschriften für den Straßenbau und -verkehr.

Diese süddeutsche Sammlung von Land- und Lehenrecht bezieht sich auf vielfältige Quellen: den Sachsenspiegel (entstanden um 1220 in Anhalt), das römische Recht (Institutionen Kaiser Justinians von 533), das kanonische Recht (Kirchenrecht, systematisiert seit etwa 1140) aber auch auf germanische Volksrechte (um 500 bis 800) und natürlich auch die Bibel. Binnen weniger Jahre verbreitete sich das Buch über das ganze deutsche Sprachgebiet sowie nach Frankreich und Tschechien. Mehr als 350 Handschriften und Fragmente des „Schwabenspiegels” sind noch erhalten. Auch die Stadt Konstanz hatte einen Stadtschreiber mit einer Abschrift dieses Buches beauftragt, der mit dieser Arbeit mehrere Monate beschäftigt war. Erstellungskosten und das Ausmaß der Verbreitung macht für Historiker deutlich, dass es sich hier um ein bedeutendes Werk handelte, das auch in der Rechtsprechung tatsächlich von Relevanz war.

Neben einer umfangreichen Sammlung zum Lehenrecht sind für Derschka vor allem die Artikel des Landrechts von Interesse, von denen er einige in seinem Vortrag mit viel Liebe zum Detail vorstellte. Veranschaulicht wurden sie durch Bilder aus Originalhandschriften des Schwabenspiegels. Der Spiegel enthält zum Beispiel eine Regel zum Würfelspiel, nach der kein minderjähriger Sohn (unter 25 Jahren) das Gut seines Vaters verspielen kann, und dieses in einem solchen Fall dann zurückgegeben werden muss. Eine andere Regel bestimmt, dass Kinder, geistig Verwirrte (Narren), Taube oder Stumme nicht als Zeugen bestellt werden dürfen. In der damaligen Zeit waren dies nicht nur Tatzeugen, sondern auch „Leumundszeugen“. Interessant sind auch Sonderregelungen für Frauen und Juden. Frauen dürfen nicht ohne einen männlichen Vormund vor Gericht klagen. Christen sollten auf die Bibel, Juden auf das Alte Testament schwören.

Sogar Regeln zur Erziehung von Handwerkslehrlingen sind im Schwabenspiegel enthalten: Niemand soll seinem „Lehrkind mehr Schläge geben als zwölf aufrichtige“. Wird ein Kind von seinem Lehrherren schlecht behandelt und läuft deshalb weg, so soll das von den Eltern gezahlte Lehrgeld diesen wieder zurückgegeben werden. Diese und andere Regeln verdeutlichen, wie differenziert und vielfältig das System von Rechtsregeln bereits in der mittelalterlichen Gesellschaft gewesen ist.

Der Schwabenspiegel hat auch einen speziellen Bezug zu Meersburg. Joseph Freiherr von Laßberg, der 1838 die Meersburg erwarb und sie vor dem Zerfall rettete, hatte in seiner Literatursammlung eine Originalabschrift des Schwabenspiegels, die er von seinem Sohn Friedrich von Laßberg editieren und publizieren ließ. Eine erste Druckfassung erschien 1840 in Tübingen, welche Derschka als Grundlage für seine Übersetzung gedient hatte.

Neben seiner Forschungstätigkeit im Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz arbeitet Dr. Derschka im Vorstand des traditionsreichen Bodensee-Geschichtsvereins (gegründet 1868) mit, in dem sich außer vielen professionellen Mitgliedern auch interessierte Laien der Bodenseeregion engagieren.


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